Neben dem neuesten vierteljährlichen Brief finden Sie auf dieser Seite auch die Archive vergangener Briefe, die im PDF-Format (Acrobat) heruntergeladen werden können, die neuesten Besuchsberichte unseres Direktors und die externen Bewertungsberichte.

BRIEF AN DIE FREUNDE VON SCHWESTER EMMANUELLE

« In der Geduld liegt Leid. Aber geduldig ertragenes Leid besitzt eine stark reinigende Kraft (...) Die Geduld überwindet die Verzweiflung, ist der Beginn des Trosts ». (Schwester Emmanuelle)

Liebe Freundinnen, liebe Freunde,

In Haiti hat die Gewalt durch Straßenbanden mehr als eine Million Menschen schutzlos während der letzten Jahre gemacht.
Vor allem kontrollieren die Gangs 85% der Hauptstadt. Sie könnten jegliche Teilnahme am ersten Wahlgang der allgemeinen Wahlen im kommenden November verhindern und so die Legitimität der zukünftigen Regierung unterminieren. Die Anführer könnten auch versuchen, Stimmen zu denjenigen Kandidaten umzulenken, die ihnen günstig erscheinen, und auf diese Weise eine eigene Partei gründen, wie einer der Verantwortlichen für den Zusammenschluss verschiedener Gangs im vergangenen Jahr andeutete, um sich in der Hauptstadt durchzusetzen.

In Hinche, wo die von uns unterstützten Projekte lokalisiert sind, ist die Sicherheitslage weniger dramatisch, aber auch angespannt: Die Gangs treiben manchmal in der Nacht ihr Unwesen, schießen in bestimmten Vierteln in die Luft, um ihre Gegenwart anzuzeigen und verüben Raubüberfälle.
Trotz allem führen die Teams unseres Partners vor Ort ihr Hilfsprogramm für die Bevölkerung weiter.

Hier ist der Bericht von Ironel Derilus, dem wie zahlreichen anderen die Projekte unserer lokalen Partner im Ausbildungssektor zugute gekommen sind:
Ich bin 43 Jahre alt und in Marmont, einem Dorf 6km südlich von Hinche in eine ärmliche Bauernfamilie mit 7 Kindern geboren.

 Nachdem ich 2007 maturiert hatte, war es wegen der finanziellen Gegebenheiten nicht leicht, auf eine Universität zu gehen. Damals musste man nach Port-au-Prince ziehen, um ein Studium zu beginnen, was viel Geld kostete, um die Ausgaben für Gebühren, Unterkunft, Nahrung usw. zu decken.

IronelDerilusDank eines Stipendiums der Ecole Polytechnique du Centre (Polytec), konnte ich an dieser Anstalt studieren und 2009 ein Diplom als Buchhalter erwerben.

Nach dem Erdbeben im Jänner 2010 und der darauf folgenden Gründung der Universität Jean Price Mars (UJPM) in Hinche hatte ich das Glück, meine Studien dank eines Stipendiums der UJPM fortsetzen zu können und einen Studienabschluss in Unternehmungsführung zu erwerben.

Weniger als ein Monat nach Studienabschluss im September 2015 erhielt ich eine Anstellung in der Sogebank Gruppe, der drittgrößten Handelsbank des Landes, als Hauptkassier.
Heute habe ich in Hinche die Stelle des Direktors von Sogexpress inne, seit 7 Jahren eine Filiale der Sogebank Gruppe.
Parallel dazu konnte ich weiter studieren und 2023 den Master in Verwaltung an der Universität Notre Dame d’Haiti, einer Partneruniversität der Interamerikanischen Universität von Puerto Rico (IAU), abschließen. Ich möchte weiter studieren bis zum Doktorat. Im Moment gibt es Hindernisse, aber nichts ist unmöglich angesichts meines Eifers, es unbedingt machen zu wollen.

Ich bin verheiratet und Vater zweier Söhne.
Ich lege Wert darauf, Dr Jean Claude Francois zu danken, der nicht nur die gute Idee hatte, Bildungszentren für die Jugend Haitis zu gründen, sondern mich auch zu einem Stipendienempfänger dieser geschätzten Institutionen zu erwählen. Wenn ich heute auf eigenen Beinen stehe, verdanke ich das Ihnen, Dr Jean Claude, und allen jenen, die auf die eine oder andere Weise zu meiner Bildung beigetragen haben. Danke an Ihre Freunde in Genf: Ihnen verdanke ich es, wenn ich heute jemand bin.“

Enlight3225An die 260 Mahlzeiten werden täglich an die Schüler der Unter- und Oberstufe ausgegeben (siehe Foto), unterstützt durch die NGO American Food for the Poor, die die Lebensmittel zur Verfügung stellt.

22 über das Zentralplateau verstreute Tageskliniken arbeiten, obwohl sie gerade renoviert werden (Budget: 27 000 CHF).
Unter den hier arbeitenden medizinischen Hilfskräften sind 12 Krankenpfleger/innen, die ihr Staatsexamen nach dem Diplom an der Universität Jean Price Mars abgelegt haben.
Ein Assistenzarzt steht den Tageskliniken vor und besucht wöchentlich zwei davon. Seine Anstellung verdanken wir einem Kinderarzt, der seinen Master in Kuba gemacht hat und Professor an der UJPM ist. Dieser Kinderarzt wurde zum Regionaldirektor für öffentliche Gesundheit ernannt.
8 weitere Tageskliniken sind geschlossen und müssen neu errichtet werden, nachdem sie von Banditen überfallen wurden (die Türen, das Blechdach etc geraubt haben...).
Außerdem ist vorgesehen, 13 manuelle Brunnen, die die Tageskliniken mit Trinkwasser versorgen, entweder neu zu graben oder zu reinigen (Budget: 17 700 CHF).

Die Nachfrage nach Phytopharmaka, die im Labor hergestellt werden, steigt, da im Land Medikamente selten geworden sind: der Zoll hat die Abgaben um 100% erhöht und die Dominikanische Republik hat zum Schutz vor dem Einfall der Gangs ihre Grenzen geschlossen.

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Im Südsudan hat gerade die Überreichung der Diplome des Ausbildungsjahrgangs 2024 stattgefunden. 538 Lehrlinge (davon 34% Frauen) erhielten ihr Diplom, und für 314 Kandidaten wurde ein Werkzeugkoffer ausgegeben.

Leider ist der seit 6 Jahren ersehnte Frieden in Gefahr. Anfang März übernahm die White Army, eine Nuer Miliz mit Verbindung zu Riek Machar, dem ehemaligen Rebellenführer und heutigen Vizepräsidenten, die Kontrolle über eine Militärbasis in einer Stadt  im Nordosten im Staat Upper Nile. Die Versuche der UNO, einen Dinka General mittels Hubschrauber zu retten, haben mit dessen Tod und mit dem Tod weiterer Personen geendet. Einige Tage war die Spannung in Juba auf dem Höhepunkt. Die Armee hat die Unterkunft Machars eingekreist, ihn unter Hausarrest gestellt. Mehrere seiner wichtigsten Verbündeten wurden verhaftet. Truppen aus Uganda wurden ersucht, die Hauptstadt zu sichern.

Im Voraus danken wir für Ihre Hilfe für die Bevölkerung dieser beiden Länder, die seit so vielen Generationen auf tragische Weise der Unsicherheit und Armut ausgeliefert sind...
TWINT Individueller Betrag DE

Jeder und jedem wünschen wir, Ostern in Freude und voller Hoffnung erleben zu dürfen.

Patrick Bittar
Direktor